Zwischen den Fronten…(10) Warte nur, wenn ich dich erwische, Cholera meines Herzens!

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Mem wurde in einem Bergdorf geboren. Sein Vater ging hinunter in die Stadt. In Petrokent sagte er: “Ich bin Maurermeister” und so wurde er zum Meister. Er arbeitete und sparte sich ein paar Groschen zusammen. Schließlich baute er sich auf einer Brachfläche ein Lehmhaus. Eines Nachts fasste er dann plötzlich den Entschluss, nach seinem ältesten Sohn Zabit nun auch die ganze Familie hierher zu holen. Er lud die beiden Kinder auf einen Maulesel und so marschierten sie los, seine Frau Fazilet vorne, er hinten, einen Tag und eine Nacht, ohne ein einziges Mal Rast zu machen, bis zu seinem Haus im Stadtteil Keramet.

Er gab seinen Sohn Mem zu einem assyrischen Radiobastler und die anderen beiden Söhne zu einem Zahnarzt in die Lehre. Der Vater sagte: “Die haben zwar nicht unsere Religion, aber beruflich kannst du was von ihnen lernen.” Dort lernte Mem Nakip und dessen Bruder Hatip kennen.

Dieses Trio hing die ganze Zeit der Ausbildung über wie Kletten aneinander: vom Vorstadtkind über die Lehre, Grundschule, Mittelschule, Gymnasium bis zur Lehrerausbildung. Sie teilten auch immer die gleiche Klasse, den gleichen Schlafsaal miteinander. Das Gesetz ihres Lebens bestand aus zwei Artikeln:

Artikel I: Einer für alle, alle für einen

Artikel II: Außer der Wange der Lebensgefährtin alles miteinander teilen.

Mem und Nakip waren wie siamesische Zwillinge. Mem nannte Nakip “Cholera meines Herzens”. Wenn Fremde sie zusammen sahen und Mem fragten, was für ein Verwandtschaftsverhältnis Mem zu ihm habe, behauptete Mem immer: “Das ist mein Sohn”, denn der Altersunterschied zwischen ihnen war ziemlich groß. Nakip war für Mem Seelen-Genosse, Rechnungsführer, Kurier zwischen ihm und seiner Geblieben… Nakip wurde für ihn wie sein kleiner Bruder Apocan, der immer und überall an seiner Seite war.

*

Einmal kam sein Freund Nakip nach dem letzten Training der Athletikmannschaft zu Mem her und sagte:

“Ich will dir was sagen, du musst aber versprechen, dass du nicht böse wirst.”

Mem: “Das kommt drauf an. Sag’ schon!”

Nakip: “Du bist wirklich ein total naiver Dummkopf!”

Mem: “Du Pass’ auf, ich reiße dich in Stücke! Jetzt hast du den Bogen aber wirklich überspannt! Wag’ es bloß noch einmal zu sagen, ich sei ein Dummkopf!”

Nakip: “Warte doch mal, mein Löwe! Dieses dunkelhaarige Mädchen dort, das ist schon lange ganz verrückt nach dir. Aber du merkst ja nichts!”

Nun entspannte sich Mem und schaute seinen Freund an. Er schielte auch zu dem Mädchen. Es war schön. Ein dunkles, süßes Mädchen. Und es zeigte Interesse an Mem. Es hatte ihn schon immer geneckt und mit ihm gescherzt, doch Mem hatte dem wirklich keine Beachtung geschenkt.

Mem: “Diese Dunkle da, meinst du?”

Nakip: “Genau.”

Mem: “Gut, aber wie können wir es genau rausfinden? Ich habe da keine Erfahrung.”

Nakip: “Das ist ganz leicht.”

Mem: “Wie denn?”

Nakip: “Du musst ihr einen Fragebogen geben.”

Mem: “Du spinnst wohl!”

Nakip: “Da habe ich schon was.”

Mem: “Dann gib’ her. Wenn es stimmt, werden wir ja sehen. Aber wenn nicht, dann kannst du was erleben!”

Mem gab dem Mädchen den Bogen mit den schriftlichen Fragen und es nahm ihn mit Freude an. Am nächsten Tag gab sie ihm das Papier zurück. Mem zog sich sofort in eine Ecke zurück und studierte die Antworten. Es stimmte also. Die Angaben passten. Außerdem hatte das Mädchen auch noch zwei Gedichte draufgeschrieben. Eines davon war ganz eindeutig. Es schrieb die einzelnen Buchstaben von Mems Namen untereinander und ergänzte jeden Buchstaben zur Verszeile.

Sein Freund hatte also Recht gehabt.

Das Mädchen zu fragen, ob sie mit ihm gehen wollte, war nur noch eine Formalität. Diese erfüllte er den Traditionen entsprechend mit einem schönen Geschenk. Sie waren nun Freunde. Wie zwei Schmetterlinge flatterten sie umher und saugten gierig den süßen Saft des Lebens und ihrer Jugend ein. Sie genossen ihre Freundschaft, die so schön war, dass man sie sich schöner nicht wünschen konnte. Bald wussten alle in ihrer Umgebung davon. Sie durchlebten drei Jahre Liebe und Flirt in einem Lebensabschnitt, der der feurigste für den jungen Mann und die junge Frau war. Sie zogen sich gegenseitig magnetisch an.

Im letzten Jahr strauchelte das Mädchen. Es blieb sitzen, sowohl, was ihre Seele anbelangte, als auch in der Schule. Sie vergaß Mem nicht und so kam es zu dieser Geschichte jener Nacht, die einen anderen, einen unbekannten und süßen Geschmack auf dem Gaumen hinterließ, der einen besonderen Genuss, wenngleich verbunden mit Risiko, hinterlässt, der das Herz höher zum Schlagen bringt. Das wussten nur er und seine Geliebte. Sie sagten sich: “Das ist eine Schatztruhe von unermesslichem Wert, die nur wir beide öffnen und wieder verschließen können” und diese Schatztruhe öffnete Mem auf seinem Krankenbett in seiner Phantasie erneut:

YORUM YAZ

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