Zwischen den Fronten…(11) Jene Nacht

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Das ist eine kleine Geschichte, die sich tief in die Erinnerung des dunklen Mädchens und des dunklen Jungen eingegraben hat. Der dunkle Junge verscheuchte das Mädchen immer. Das dunkle Mädchen zierte sich, der dunkle Junge wurde ihres Zierens nie überdrüssig. Mit diesem Spiel füllten sie jede während ihrer Schulzeit auftretende Leere. Doch dem dunklen Jungen war das nicht genug. Er wollte noch mehr, noch viel, viel mehr. Beim Abschied flüsterte seine Geliebte ihm ins Ohr: “Komm’ heute Nacht! Meine Mutter ist ins Dorf gefahren, nur meine Geschwister sind zu Hause. Ich warte auf dich!” Der dunkle Junge war wie elektrisiert. Er drückte seiner Geblieben einen Kuss auf die Lippen und rannte hinaus. Er zündete sich eine Zigarette an. Als er aufgeraucht hatte, fragte er sich: “Wie soll ich das heute Abend anstellen?” Er rannte los, bis er seinen Freund Cholera fand.

“Nimm’ alles Geld, das wir haben, und komm’ mit!”

Cholera: “Wohin willst du?”

Mem: “Stell’ keine Fragen!”

Cholera: “Ist schon gut!”

*

Cholera ging zurück in den Schlafsaal und holte das Geld.

“Hier! Das ist alles.”

Mem: “Los! Wir gehen!”

Cholera: “Aber wohin?”

Mem: “In die Stadt”

Cholera: “Irgendetwas ist heute los mit dir.”

Mem: “Ja. Was ist schon dabei!”

Cholera: “Na, wir werden ja sehen.”

Sobald sie im Stadtzentrum anlangten, führte Mem ihn ein schönes Restaurant und erklärte:

“Bestell’ dir alles, was du willst. Heute ist alles frei! Ich selbst bestelle mir eineinhalb Portionen Adana-Kebab, einen Salat und Fruchtsaft. Wie schon gesagt, nimm’, was du willst, wenn du meinst, kannst du ja bloß Brot mit Helva bestellen.”

Cholera: “Dann nehme ich eineinhalb Portionen Kotelett, einen Wein und eine Vorspeise.”

Mem: “Natürlich, mein Herr.”

Cholera wiederholte die Worte des dunklen Jungen “Mein Herr!” und lachte. Der dunkle Junge erklärte ihm: “Natürlich, mein Löwe. Ist das hier etwa ein verkommener Krämerladen, in dem die Mücken rumschwirren? Wenn man Geld hat, dann ist man auch ein ‘Herr’, sogar ein ‘werter Herr’. Dieses Geld hier ist für heute.”

*

Die beiden Freunde aßen sich satt und gingen dann in ein Kaffeehaus. Sie verlangten ein Backgammon-Brett. Der eine trank Kaffee, der andere Tee, sie spielten und schlugen so die Zeit tot. Cholera machte seinem Freund Vorhaltungen:

“Ärgere mich nicht so! Du sollst nicht bescheißen beim Würfeln! Du lässt mich keinen Alkohol trinken und dann bescheißt du auch noch!”

Mem: “Du darfst ja auch noch nicht Alkohol trinken und noch nicht rauchen! Du bist schließlich noch klein!”

Cholera: “Na sowas! Immerhin gehen wir in die gleiche Klasse und drücken gemeinsam die Schulbank. Wir werden gemeinsam den Schulabschluss machen.”

Mem: “Das ist etwas anderes! Du hast noch nicht einmal eine Freundin! Die Mädchen behandeln dich ja noch wie einen kleinen Bruder.”

Cholera: “So?! Den Mädchen werde ich es zeigen!”

Mem: “Welchem? Dieser zierlichen Sibel etwa? Nun, das stimmt, die hast du neulich wirklich wässrig gemacht. Ich habe gesehen, wie du sie hier und da liebkost hast, verdammt! Wenn es schon so ist, dann frage sie doch, ob sie mit dir geht.”

Cholera: “Alles zu seiner Zeit. Lasse’ das jetzt, spiel lieber weiter!”

Mem: “Da schau an, mein großer Bruder gibt mir also Ratschläge!”

Als sie sich auf den Heimweg machten, begann die Sonne zu sinken, flatterhafte Dunkelheit machte sich breit. Die beiden Freunde trotteten ganz gemächlich Richtung Schule. Als sie am Schulgarten ankamen, erklärte der dunkle Junge seinem Freund:

“Ich komme diese Nacht entweder überhaupt nicht, oder sehr spät. Lasse’ für alle Fälle das Fenster in der Kantine geöffnet. Und sage auf keinen Fall jemandem etwas!”

Sein Freund sagte: “Jetzt habe ich den Grund deiner Freude und dieses Festmahls verstanden. Du gehst also zum dunklen Mädchen?”

Mem: “Bravo, du bist ein schlaues Kerlchen!”

Sein Freund warnte ihn: “Pass’ bloß auf. Nicht, dass die Verwandten des Mädchens dich reinlegen wollen.”

Mem: “Zerbrach’ dir nicht den Kopf! Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht…”

*

Nun hatte die Dunkelheit alles umhüllt. Denn die Mutter des Lichts hatte ihren Geliebten schon getroffen. Er brachte ihr ein Ständchen, um einen neuen Tag zu gebären. Da sagte sich der dunkle Junge: “Der Reisende ist unterwegs, der Mann geht auf der linken Seite und die Geliebten rechts, sie gehen Arm in Arm, so wie es sein muss. Es ist an der Zeit.” und machte sich auf den Weg.

Schon war er vor dem Gartentor der Geliebten. Seine Geliebte hatte das Licht gelöscht, ihr Nachthemd angezogen und kam aus dem zweiten Stock ihres Holzhauses wie eine Ballerina mit nackten Füßen heruntergeschwebt. Es war Sommer. Das Wetter war schön. Nur gab es keinen Mond, doch der schönste Mond war für ihn in dieser Nacht seine Geliebte. Das dunkle Mädchen öffnete ganz vorsichtig die Gartentür. Sie machte ihm ein Zeichen, dass er leise sein solle und ging mit ihm nach oben. Der dunkle Junge ließ seine Schuhe draußen. Er hatte ein Hemd und eine Sommerhose an. Im Wohnzimmer schliefen ihre beiden Brüder, von denen einer in die Mittelschule und der andere in die zweite Klasse gingen. Sie schlichen sich in das linke Schlafzimmer. Sobald sie die Türe geschlossen hatte, begann der dunkle Junge vor Freude und Aufregung ihre Lippen zu küssen. Sie küssten und liebkosten sich im Stehen bis sie müde wurden und sich auf das Bett warfen. In den Verschnaufpausen rauchten sie. Sie bliesen dicke Rauchwolken in die Luft und berauschten sich am Nikotin.

Das dunkle Mädchen ging dann durch das Wohnzimmer, um eine gekühlte, aufgeschnittene Honigmelone zu holen. Sie aßen mit den Fingern und stürzten sich dann wieder in den Strom der Liebe. Sie umarmten und liebkosten sich innig. Schließlich störten sie ihre Kleider. Sie zogen sich aus und schleuderten sie beiseite. Sie verschmolzen zu einem einzigen Körper, zu einer einzigen Seele. Sie steigerten ihre gemeinsame Lust. Sie explodierten heftiger als ein Vulkan. Ihr Blut klopfte gegen ihre Schläfen.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Das dunkle Mädchen zog schnell ihr Nachthemd an. Der dunkle Junge versteckte sich unter der Bettdecke. Das dunkle Mädchen rief wütend:

“Was ist denn los #Cetin?”

“Schwester, mach’ die Tür auf!”

“Warum? Was ist denn los?”

“Ich habe gesagt, du sollst aufmachen!”

“Bist du verrückt geworden? Lasse’ mich schlafen!”

“Mach’ auf Schwester, sonst schlage ich die Scheibe ein und hole die Nachbarn!”

“Mein Brüderchen #Cetin, was willst du denn?”

“Da ist jemand drin! Ich weiß es! Deshalb machst du nicht auf!”

“Da ist niemand, spiele nicht verrückt!”

Aber #Cetin war misstrauisch geworden. Er weckte seinen kleinen Bruder und ging mit ihm hinunter zu den Nachbarn.

Das dunkle Mädchen sagte zu seinem Geblieben:

“Jetzt sitzen wir in der Patsche! Was machen wir bloß? Was sollen wir ihnen sagen?”

“Beruhige dich!”

Der dunkle Junge zog rasch seine Hose an, zog den Reißverschluss zu, warf sich sein Hemd über und fragte:

“Gibt es keinen Hinterausgang oder ein Fenster?”

“Nein, eine andere Tür gibt es nicht und das Fenster ist vergittert.”

Die Treppe konnte er nicht nehmen, da würden sie ihn erwischen. Er lockerte im Wohnzimmer und im Nebenzimmer die Glühbirnen. Dann schlich der dunkle Junge durch das Wohnzimmer in das andere Zimmer und versteckte sich hinter dem Vorhang. Er hielt den Atem an. Die Nachbarn kamen herauf und riefen:

“Stimmt das, was das Kind sagt?”

“Er träumt. Wenn sie ihm glauben und von mir so etwas erwarten, dann können sie ja nachsehen!” Der Mann schaute mit den beiden kleinen Brüdern überall nach. Sie fanden nichts. Dass die Lampen im Wohnzimmer nicht brannten, führten sie darauf zurück, dass sie durchgebrannt sein könnten. #Cetin glaubte es nicht, aber sie konnten nichts und niemanden finden. Der kleine #Cetin bestand immer noch darauf: “Ich habe aber etwas gehört!”

Der Nachbar beruhigte ihn: “Du wirst dich getäuscht haben, mein Sohn. Deine große Schwester würde doch so etwas nicht tun! Kommt, ihr könnte diese Nacht bei mir schlafen. Ihr hattet eine schlechte Nacht und eure Mutter ist nicht da. Euer Vater lebt seit vielen Jahren im Ausland, das hat euch wohl aufs Gemüt geschlagen. Und du Mädchen, schließ’ ab und schlafe. Allah gebe dir Ruhe! Kommt Kinder, gehen wir!”

Das dunkle Mädchen sagte erleichtert: “Bitte entschuldigen sie, Onkel Ali, dass meine Brüder sie zu so später Stunde gestört haben.”

Er verabschiedete sich: “Das macht doch nichts,” und ging mit den kleinen Brüdern hinunter.

Das dunkle Mädchen ging in das Zimmer, in dem der dunkle Junge versteckt war. “Bist du noch da? Du kannst rauskommen, sie sind weg. Jetzt sind wir ganz allein in der Wohnung.”

Der dunkle Junge schlich leise wie eine Spinne aus dem Zimmer. Seine Geliebte erschrak und weinte vor Aufregung.

“Schon gut, es ist alles vorbei. Wische dir die Tränen weg.”

Sie küssten sich, ihre Tränen und ihr Schweiß mischten sich. Der dunkle Junge wischte dem Mädchen mit sanfter Hand die Tränen weg.

Der Morgen kündigte sich schon an. Das dunkle Mädchen sagte traurig zu ihrem Geliebten:

“Du musst jetzt gehen! Aber wo willst du bis zum Morgen bleiben, die Türen werden jetzt verschlossen sein.”

“Mach’ dir keine Sorgen. Ich finde schon einen Weg, reinzukommen. Und wenn nicht, dann ist es auch nicht mehr lang bis zum Morgen.”

Geschickt stieg er mit nackten Füßen die Treppe hinunter und sprang über die Gartenmauer. Es war noch stockdunkel, er irrte eine Zeitlang umher, bis er ein Licht sah. Er sprang über einige Mauern und entschied sich für die helle Straße. Plötzlich stand er wieder vor dem Gartentor seiner Geliebten. Diesmal ging er natürlich nicht hinein, sondern schnurstracks daran vorbei. Als er schon ein ganzes Stück entfernt war, bemerkte er, dass er immer noch barfuß war und seine Schuhe auch nicht in den Händen hielt. Nun begriff er, dass er sie im Haus seiner Geliebten vergessen haben musste. Es war aber zu spät, zurückzugehen. So verzichtete er auf die Schuhe und ging zur Schule.

Er stand im Schulgarten. Er zog sich an den Gittern der Kantine hoch und stieß das Fenster auf. Er sprang hinein. Da standen die beiden Lehrer, die Nachtwache hatten, vor ihm. Es waren der Literaturlehrer und der Philosophielehrer. Mit beiden verstand er sich gut.

“Was ist denn mit dir los, Mem? Wo kommst du denn her?” Mem hatte die erste Gefahr abgewendet, aber die zweite erwischte ihn jetzt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Betrunkenen zu spielen und er begann zu lallen:

“Wo werde ich schon gewesen sein. Ich war mit dem Weintrauben-Mädchen zusammen!”

Der Lehrer fragte vorwurfsvoll: “Hast du also wieder getrunken?”

Mem erwiderte: “Nein. Mit dem Weintrauben-Mädchen habe ich mich geküsst, mich an ihm berauscht und am Ende trinkt man natürlich auch etwas.”

Der Lehrer ermahnte ihn: “Lasse’ den Unsinn! Sag’ die Wahrheit, wo warst du so lange? Es ist ja fast schon Morgen!”

Mem: “Was ‘Morgen’, nein, sie hieß nicht ‘Morgen’, ich glaube, sie hieß ‘Sabahat'”

Der Literaturlehrer und auch der Philosophielehrer kannte Mem gut. Sie waren nie besonders streng zu ihm. Aber sie sagten: “Du hast nicht einmal Schuhe an und bist von Kopf bis Fuß voller Schlamm.”

“Egal, Herr Lehrer, gab es denn früher etwa Schuhe? Im Dorf hatten wir nicht einmal Bauernschlappen.”

Der Literaturlehrer schickte ihn weg mit den Worten: “Los, wasch’ dir die Hände, das Gesicht und die Füße und dann ab ins Bett!” Damit war Mem zufrieden und ging. Seine Rolle als Betrunkener hatte also gewirkt. Er war eben ein guter Schauspieler.

*

Das alles erschien ihm jetzt im Traum. Aus seinem Unbewussten drangen all die schmerzlichen und die süßen Erinnerungen hervor. Später hatten sich die Wege zwischen ihm und dem dunklen Mädchen getrennt. Mem ging in sein Land, in seine Heimat, das dunkle Mädchen blieb da. Das letzte Jahr war für beide das längste und das schwierigste. Mem dachte oft daran, was aus dem dunklen Mädchen geworden sei und schließlich erfuhr er es auch:

“Es heißt, dass dunkle Mädchen, mit dem dich diese wunderbare Liebe verband, hat später einen Jungen aus seiner Klasse geheiratet. Dabei wusste es nicht, dass er bereits offiziell und sogar noch einmal durch eine Eheschließung beim Imam verheiratet war. Jetzt ist sie eine arme, unglückliche Frau mit zwei Kindern. Sie fügte sich in ihr Schicksal. Sie ging dann zusammen mit dem Mann in dein Land, um Lehrerin zu werden.”

Mem dachte immer an diese seine erste Liebe, seine erste Geliebte. Und so versuchte er immer etwas über ihr Schicksal herauszufinden, fragte herum und ließ heimlich nachfragen. Als er wieder einmal halluzinierte, sprach er zu seinem Freund Cholera: “Finde sie und bring’ sie her zu mir! Bitte! Das ist mein letzter Wunsch an dich.” In seinen Halluzinationen war Mem sicher, dass Cholera bei ihm in Deutschland sei. In seinen Halluzinationen erfüllte sich der Traum oder auch Alptraum: Cholera findet das dunkle Mädchen und bringt es zusammen mit den Kindern nach Deutschland. Aber dann erfährt er, dass die beiden Kinder jeden Tag, wenn ihre Mutter zur Arbeit geht, von Cholera in ein kleines Zimmer eingesperrt werden. Da droht er seinem Freund Cholera: “Warte nur, wenn ich dich eines Tages erwische, werde ich dir’s zeigen.”

2 YORUMLAR

  1. Türkçesi de var. 2005’te MEM olarak bastım. Ama ben bunu Ocakmedya’nın Almanca bilen okurları için tefrika ediyorum. Sevgim Fırat Öfkem Ararat Facebook sayfama bakın. Yeterince Türkçe var. Selamlarımla.

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