Zwischen den Fronten…(14)Der kurdische Roman

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Früher hieß es ja “einem reichen Mann klebt man an den Lippen, als ob jedes Wort, das aus seinem Mund kommt, ein Wunder wäre”. Doch das gilt nicht nur für die Reichen, sondern auch für die Mächtigen. Wer die Macht dazu hat, der findet immer die Möglichkeit, seinen Blödsinn zu Gehör zu bringen. Das scheint auch für die heutige Zeit noch zu gelten. Es ist nur eine Frage der Macht. Wer sie besitzt, glaubt, alles tun zu können.

Das Jahr 1994 wurde zum “Ahmede Xanê Jahr”* erklärt und der Befehl ausgegeben: “Führt alle möglichen Veranstaltungen durch! Bringt Literaten und Künstler zusammen! Schafft auf der Stelle den kurdischen Roman!” Man kann alles Mögliche auf Befehl machen, aber wenn das Herz wirklich ein Herz ist, wenn das Herz ein Künstlerherz ist, dann hört es nicht auf Befehle. Mit Befehlen kann man eine Armee lenken, aber kein Volk schaffen. Durch Befehle kann man kein Kunstherz erobern und keinen Roman erzwingen.

In der politischen Frontorganisation des nationalen Befreiungskampfes wurde dem Thema kurdische Kultur damals eine hohe Bedeutung beigemessen. Diejenigen, die den Mut dazu aufbrachten, sagten und schrieben, dass sie die von der Parteiführung auferlegten Beschränkungen überwinden wollten. Und diejenigen, die das Risiko der Folgen ihrer Worte fürchteten, zogen es vor zu schweigen. Dann setzte sich auch der PKK-Vorsitzende Abdullah Öcalan an die Spitze der Kulturschaffenden-Equipe und erklärte: “Auch diese Arbeit muss wohl ich selbst machen.” Vermutlich bestätigten ihn auch die Schleimer, die sich um ihn geschart hatten: “Ja, mein Vorsitzender. Nur sie sind in der Lage, die kurdische Kultur zu schaffen.”

Mem litt damals in seinem Krankenhauszimmer an quälender Langeweile und vertrieb sich die Zeit damit, die Kampagne für die kurdische Kultur lesend zu verfolgen. Als die Parteiverantwortlichen dies hörten, schäumten sie schon vor Wut. Kürzlich hatten sie eine Offensive, Kurdisch lesen und schreiben zu lernen, begonnen. Diese führten sie unter der Parole “Denke Kurdisch, sprich Kurdisch, lese Kurdisch” durch. Diese Parole erinnerte Mem automatisch an den berüchtigten Kerker von Diyarbakir, wo direkt im Besuchsraum in großen Lettern an der Wand stand “Sprich’ Türkisch, sprich’ viel!” Und diese Gefängnis-Parole kannte einer aus dem Kreis derer, die die Parole für die Kurdisch-Kampagne festlegten, sehr gut: der ehemalige Lehrer Mubarak Ölmez, der viele Jahre mit Mem zusammen im Kerker von Diyarbakir eingesperrt war. Mem dachte: “Sehr wahrscheinlich war er es, der die Parole erfunden hat”. Denn eine Katze gebiert keinen Berg. Wer sich nicht aus dem kemalistischen Erziehungssystem befreit hat, ist nicht in der Lage, wirkliche Alternativen hervorzubringen. Der dachte auf diese Weise über den kurdischen Roman. Die Kopie eines kleinen Mustafa Kemal*. Egal, unter welchem Pseudonym er schrieb, Mem fand immer gleich heraus, dass es von ihm war. Denn er war früher im Gefängnis immer sein Opfer und sein Zuhörer. Aber heute huldigte Mem ihm nicht mehr, inzwischen war er rebellisch und aufmüpfig. Inzwischen ist viel Wasser den Tigers hinuntergeflossen. Mem hatte ihn schließlich auch viele Jahre bei der Arbeit in der Redaktion beobachtet. In der prokurdischen Zeitung “Yeni Vatan”* hatte er eine eigene Leitartikelspalte und eine eigene Redaktion. Auf seinen Befehl hin kam Mem in die Redaktion und auf seinen Befehl hin wurde er zum untergeordneten Angestellten gemacht. Aber jedem platzt einmal der Kragen. Man darf einen Menschen nicht derart unter Druck setzten, seine Würde nicht so mit Füßen treten, sein Herz nicht so zerstören, wie dieser Mann es tat.

Mem interessierte sich seit den 70er Jahren für Kunst und Literatur und schrieb auch selbst. Wegen anderer dringender Aufgaben der Revolution konnte er nicht damit fortfahren. Als Mem dann nach dem Gefängnis zur Zeitung kam, setzte er seine schriftstellerischen Fähigkeiten für die Revolution, für sei Volk und für sein Land ein. Drei Jahre lang hatte Mem sich in der Pressearbeit engagiert und versucht, im Kulturzentrum Istanbul etwas zu bewegen, der Hofberichterstattung etwas entgegenzusetzen. Selbst noch im Krankenbett schrieb er mit eiliger Feder weiter und schickte die Artikel in die Redaktion.

Mem wollte sich in die Diskussion über die kurdische Kunst und Kultur einmischen. Er schrieb einen Artikel mit dem Titel “Der kurdische Roman und einige Fragen dazu”. Er begann seinen Artikel mit zwei Einleitungsbeispielen:

Zu Zeiten Ismet Inönüs* war einer seiner Soldaten ein begeisterter Maler. Seine Werke gefielen seinen Kammeraden so gut, dass er ermutigt wurde, für #Ismet #Inönü ein Bild zu malen. Er überreichte es ihm mit den Worten: “Mein Pascha, dieses Bild habe ich als Geschenk für sie gemalt.” Der Pascha legte das Bild auf einen Tisch und betrachtete es wie eine Landkarte. Der malende Soldat erklärte ihm: “Mein Pascha, das ist keine Landkarte. Man muss das Bild an eine Wand aufgehängt betrachten.” Daraufhin schleuderte der Pascha das Gemälde von sich und schrie: “DAS IST KEIN BILD!”

Es gibt ein sehr schönes Gedicht von K. Simonow. Dieses Gedicht heißt “Warte auf mich”. Zu diesem Gedicht gibt es eine interessante Anekdote. Leider konnte ich dieses Gedicht nie auswendig lernen und schriftlich habe ich es nicht. Jedenfalls handelt es von der Liebe. Von der Liebe zur Geliebten, zur Mutter, zum Vater, zur Heimat…, von der Liebe jeder Art. Natürlich auch von der Liebe zum anderen Geschlecht. Denn wenn man aus dem Gedicht die Geliebte rauslässt, dann kann man es gleich vergessen, dann ist es kein Gedicht mehr.

80 Prozent der sowjetischen Soldaten haben dieses Gedicht entweder im Kopf, im Herzen, oder in der Jackentasche. Ihre Kommandanten wollten ihren sich so sehr für dieses Gedicht begeisternden Soldaten helfen. So gingen sie direkt zu Stalin:

“Genosse Stalin, wir haben ein Anliegen.”

“Welches?”

“Bei jedem unserer gefallenen Soldaten finden wir ein bestimmtes Gedicht.”

“Von wem ist denn dieses Gedicht?”

“Von einem Dichter namens K. Simonow.”

“Und was habe ich damit zu tun?”

“Wir möchten das Gedicht vervielfältigen. Deshalb wollten wir sie fragen, wie viele Exemplare wir drucken lassen sollen.”

“Wievielte? ZWEI! EINS FÜR DEN DICHTER UND EINS FÜR SEINE GELIEBTE.”

YORUM YAZ

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