Zwischen den Fronten…(8)Halluzinationen

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Mem hatte Hepatitis B-D. Chronische Leberschrumpfung. Im Volksmund wird diese Krankheit als “Atatürk-Krankheit”, “Wohlstandskrankeit” oder “Alkoholiker Krankheit” bezeichnet. Mem hatte sich diese Krankheit in den Kerkern Diyarbakirs zugezogen. Drei Wege der Ansteckung sind denkbar:

1. Die Bedingungen im Gefängnis, vor allem in den Großzellen Nummer 35 und 36, in denen der Widerstand leistenden Gefangenen eingesperrt waren, boten Nährboden für verschiedenste Krankheiten.

2. In dem Gefängnis wurden Impfungen durchgeführt, bei denen die Nadeln nicht sterilisiert und für mehrere Gefangene hintereinander benutzt wurden.

3. Es wurden auch bewusst Krankheiten verbreitet, zum Beispiel wurden Tuberkulosekranke mit Nichtinfizierten zusammengesperrt, damit sie auch angesteckt würden. Es wurde Auswurf ins Essen gemischt und ihnen gesagt: “Entweder ihr lebt damit, oder ihr müsst abschwören.”

Mem wurde auf jede erdenkliche Weise gefoltert. Nachdem er unschuldig elf Jahre lang gesessen hatte, wurde er freigesprochen und kam raus. Er nahm seine Frau und seine zwei Kinder und brach mit ihnen zum Hafen Izmir auf. Er hatte nichts in der Hand. Das Schlimmste war, dass er auch noch nie etwas anders als Revolutionär sein gemacht hatte. Und seinen ersten Beruf, Lehrer, den mochte er überhaupt nicht. Er hätte auch zum Arzt gehen müssen, um sich behandeln zu lassen, aber er hatte kein Geld dafür. Ein Freund besorgte ihm einen falschen Personalausweis und eine falsche Versicherungskarte und brachte ihn zur Untersuchung ins Ägäis-Universitätskrankenhaus. Es sollte eine Kontrolluntersuchung aller Organe durchgeführt werden. Wer war der Mann, auf den der falsche Ausweis lautete? Das wussten weder der Arzt noch Mem. Er hieß Halil Demir. Mem wurde als Halil Demir aufgerufen und ging von seinen Freunden begleitet hinein zum Arzt. Der Arzt hatte seine Brille aufgesetzt und studierte die Unterlagen von Halil Demir. Plötzlich hob er den Kopf und fragte:

“Bist du Halil Demir?”

Mem: “Ja.”

Arzt: “Mein Freund, wie konntest du dich so vernachlässigen! Wo warst du denn bis jetzt?”

Mem wusste keine Antwort. Er schaute seinen Freund an, der ihm diese Möglichkeit der Untersuchung arrangiert hatte. Dieser antwortete dem Arzt:

“Herr Doktor, die Sache ist anders als sie vermuten. Dieser Freund ist nicht Halil Demir.”

Arzt: “Was soll das heißen, Herr Semsi?”

Semsi: “Wenn sie gestatten, Herr Doktor, werde ich alles erklären. Der richtige Name dieses Freundes ist Mem Güldali. Er kommt aus der gleichen Stadt wie ich und ist Revolutionär. Er kommt direkt aus dem Gefängnis Diyarbakır. Mem! Erzähle dem Doktor deine Lage. Der Herr Doktor ist ein demokratischer Mensch, er ist unser Freund.”

Mem: “Was soll ich sagen? Es ist überhaupt ein Wunder, da wieder lebend rausgekommen zu sein. Ich habe dort fünfzig Genossen verloren, die als Märtyrer starben. Du hast ja schon alles erklärt. Der Herr Doktor soll mir eben sagen, was ich habe.”

Der Arzt unterbrach ihn, beschämt und traurig:

“Ich verstehe sie. Bitte entschuldigen sie, dass ich so grob reagiert habe. Ich selbst war mein Leben lang noch keinen einzigen Tag eingesperrt. Aber ich weiß viel über das Gefängnis Diyarbakır. Meiner Meinung nach ist ihr Zustand jetzt der den Umständen nach beste.”

Mem: “Ich möchte wissen, welche ernsthaften Erkrankungen ich habe.”

Arzt: “Sie haben im Gefängnis eine Gelbsucht durchgemacht. Diese ist nicht ausgebrochen und hat sich von selbst geheilt, allerdings hat diese Krankheit ihre Leber geschädigt. Mit Ruhe, Medikamenten und richtiger Ernährung können sie etwas dagegen tun.”

Mem: “Mal sehen, Herr Doktor. Habe ich sonst noch etwas?”

Arzt: “Nein, die anderen Organe sind völlig normal.”

Mem: “Gut, vielen Dank.”

Arzt: “Nein, ich habe zu danken und ich gratuliere ihnen. Es ist mir eine Ehre, einen solchen Menschen wie ihnen zu helfen.”

Mem: “Dann hat unser Widerstand also doch etwas bewirkt. Ich wünsche mir, dass die Hoffnung und unsere Würde noch mehr wachsen.”

Sie schüttelten sich die Hände und verabschiedeten sich von dem Arzt. So hatte Mem zum ersten Mal von seiner Krankheit erfahren. Und jetzt, wie nach einem Filmschnitt, fand er sich plötzlich im Krankenzimmer an der Kölner Uniklinik mutterseelenallein wieder. Er war damit beschäftigt, den Tod zu vertreiben. Und je mehr er seine Kräfte sammelte, ihn zu vertreiben, umso mehr gelang es ihm, das Leben zu ergreifen. Das Schlimmste an dieser Krankheit waren die Phasen der Halluzination. Das waren die verborgenen Schlaf- und Wachträume aus den Tiefen seines Unbewussten, die vulkanartig ausbrachen.

YORUM YAZ

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